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Wenn der Darm streikt:
Das Reizdarm-Syndrom


Der Darm als Organ des Körpers wird nur dann wahrgenommen, wenn er streikt. Fast jeder Mensch wird irgendwann diese Erfahrung durch einen kurze Zeit dauernden Infekt gemacht haben. Eine normale Darmfunktion erscheint ansonsten für viele selbstverständlich.

Anders ist es für Menschen mit Reizdarmsyndrom, bei denen Schmerzen, Krämpfe, Missemfindungen im Bauchbereich tagtäglich und andauernd auftreten. Auch veränderter Stuhlgang – allgemein ein Tabuthema – kann beim Reizdarmsyndrom zum quälenden Dauerproblem werden. Sowohl plötzlicher, schwer kontrollierbarer Durchfall wie auch unangenehme Blähungen oder lästige Verstopfung schränken den normalen Aktionsradius und die eigene Körperfunktion nachhaltig ein. Für Gesunde undenkbar wird für Reizdarm-Patienten das Denken und das Planen des Tagesablaufs durch die Beherrschbarkeit der Bauchprobleme und die rasche Verfügbarkeit einer Toillette bestimmt. Dabei ist die Erkrankung den Betroffenen nicht anzusehen. Sie müssen in Beruf und Privatleben „funktionieren“ und erscheinen körperlich gesund. Streikt der Darm jedoch, geht oft gar nichts mehr: Krankmeldungen sind häufig, Gesellschaft wird zum Problem, Einhaltung von Terminen unsicher, Verabredungen werden abgesagt: Im Extremfall resultieren wie bei schweren Behinderungen soziale Isolation.

Dabei hat das Reizdarm-Syndrom eine gute Prognose: Es ist weder mit ernsthaften Darmerkrankungen verbunden noch mit einer eigeschränkten Lebenserwartung. Beschwerden sind oft chronisch, oft in Phasen verstärkt und können auch im Verlauf abklingen. In der westlichen Welt liegt die Prävalenz bei 10-20%. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Die Ursache des Reizdarmsyndroms ist vielfältig. Beweglichkeit (Motilität), Immunreaktionen, Schleimhaut-Durchlässigkeit des Darms scheinen verändert. Bestimmte Zellen (Enterchromafine Zellen) in der Schleimhaut können gestört sein wie auch die Steuerung der Verdauungsfunktion durch Neurotransmitter (Botenstoffe) und die Reizschwelle für Schmerzen. Auslöser kann ein banaler Magen-Darm-Infekt (Gastroenteritis) sein wie auch gewisse erbliche Faktoren.

Die Symptome des Reizdarmsyndroms sind nicht spezifisch und die ursächlichen Störungen können im Allgemeinen nicht direkt nachgewiesen werden. Daher zielt die Diagnostik auf den Ausschluss von relevanten und häufigen organischen Erkrankungen (Ausschlussdiagnostik). Sie richtet sich nach Alter, Symptomatik und Vorgeschichte des Betroffenen.
Zur Differenzialdiagnose zählen Unverträglichkeiten, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, die Glutenunverträglichkeit, Darmtumoren, bakterielle Infekte und vieles andere.

Die Deutsche Gesellschaft für Verdauung und Stoffwechsel (DGVS) hat in diesem Jahr eine aktualisierte Leitlinie zum Thema „Reizdarm“ veröffentlicht. Als Basisdiagnostik wird eine Laboruntersuchung, eine Sonographie, Funktionstests auf Unverträglichkeiten, bei Frauen eine gynäologische Untersuchung und je nach Symptomatik auch eine Darmspiegelung empfohlen. Oft ermöglicht die einmalige gründliche Diagnostik einen Einstieg in eine Behandlung. Viele Betroffene scheuen aber den Gang zum Arzt und auch zum Spezialisten (Gastroenterologen).

Dabei gibt es ein breites Spektrum von Behandlungsmöglichkeiten, die in den vergangenen Jahren durch neue Wirkstoffe und Erkenntnisse bereichert wurden. Eine spezifische Therapie existiert aber nicht. Die Behandlung des Reizdarm-Syndroms richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen. Der Effekt muss individuell beobachetet und dokumentiert werden. Die Kombination verschiedener Maßnahmen ist oft wirksamer als Einzelmaßnahmen. Die Umstellung von Ernährungsgewohnheiten (Ballaststoffe) kann ebenso hilfreich sein wie bestimmte stuhlregulierende Maßnahmen (Quellstoffe). Lindernd können krampflösende pflanzliche und chemische Präparate wie auch Schmerzmittel sein. Neuere und zukünftige Medikamente werden spezifischer auf bestimmte Mechanismen zielen und die Funktion spezifischer Rezeptoren in der Darmwand beeinflussen.